Köstlich gut: Foodblogs und die Lust an nachhaltiger Ernährung
14.08.12
© Antonio ZavagliBildende
Passend zum Jahresthema Ernährung der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung ist die Umstellung von Ernährung und Einkaufen auch im Web 2.0 ein großes Thema: Blogger berichten von ihren Erfahrungen und geben dabei locker und unterhaltsam wertvolles Wissen weiter. Lesenswerte Blogs vorgestellt von Anja Krieger.
Das sind keine Tomaten, dachte Antonio Zavagli. Der Webentwickler war gerade aus Pisa zu seiner Freundin nach München gezogen. Was die Supermärkte dort als Gemüse anboten, schmeckte dem Italiener gar nicht. "In Deutschland bekam ich die guten Sachen, die ich in Italien gefunden habe, einfach nicht mehr", erinnert sich der heute 38-Jährige an seinen Umzug vor sechs Jahren. Von Skandalen um Fleisch und Betrug mit Bio-Gemüse war in den Medien die Rede.
Antonio Zavagli beschloss, etwas zu ändern. Er wollte keine Tomaten mehr, die wie Wasser schmecken, keine Lebensmittel, deren Herkunft ihm schleierhaft war. "Dass du wirklich weißt, woher das Gemüse kommt und wie es produziert worden ist, das ist sehr schwierig, wenn die Kette so lang ist", sagt Zavagli. Also machte sich der Hobbykoch auf die Suche nach einem kürzeren Weg, einem, der ihn der Herstellung näher brachte. Gleich um die Ecke, in der Nähe seines Büros, fand er ihn, auf dem Josefsmarkt in München-Schwabing. Hier bieten regionale Händler ihre Waren an.
Frisch vom Markt in den Blog
Seit Antonio Zavagli den Bauernmarkt entdeckt hat, ist er Stammkunde und "Foodblogger". Auf seinem Blog Zava auf dem Bauernmarkt veröffentlicht Zavagli, was er auf Bauernmärkten erlebt, welche Zutaten er einkauft und was er daraus macht. Als die Zeitschrift "Brigitte" Zavaglis Webseite in die Top 25 der Kochblogs wählte, schnellten die Besucherzahlen in die Höhe, rund 900 Besuche pro Tag zählt die Statistik. Zurecht: In liebevollem Design, blauweiß kariert wie die Tischdecke in einem bayrischen Lokal, präsentiert Zavagli einfache Rezepte, bei denen das Wasser im Mund zusammenläuft, von Crostini mit Radieschen über Marmelade aus Birnen und Ingwer bis Soufflé aus Lauch und Emmentaler-Käse.
Auch was er erlebt, wenn er mit den Händlern spricht, schreibt er auf. "Ich will mit diesen Leuten reden. Das sind Frauen, die in Kontakt mit den Bauern sind. Sie können mir erzählen, woher der Käse kommt und wie er produziert wird." Die Marktfrauen können Zavagli auch erklären, wieso manches gerade nicht verkauft wird, etwa Schafskäse, wenn Schafe im Mutterschutz sind.
Leicht war es anfangs nicht, nur mit regionalen Zutaten vom Markt zu kochen, erinnert sich Zavagli. "Du musst deinen Lebensstil und deinen Kochstil ändern." Was heute fast vergessen ist, wusste früher jeder: "Du hast immer eine ganz bestimmte Zeit mit ganz bestimmten Produkten". Der Bauernmarkt ist Zavaglis Filter für die neue alte Lebensweise, denn "wenn du auf dem Bauernmarkt Tomaten kaufen willst, dann kannst du sie nicht im Dezember kaufen. Die Bauern verkaufen keine."
Eine Metzgersenkelin wird Vegan-Bloggerin
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© Anja KriegerBildende
Regional einkaufen, das versucht auch Nicole Just. Speck, Fisch oder Milch findet man auf dem Blog der Online-Redakteurin nicht. Die 29-Jährige ist vor gut drei Jahren Veganerin geworden, von jetzt auf gleich, auf dem Weg zur Arbeit. In einer Berliner IT-Firma schreibt sie "Content on Demand", Artikel, die nicht wegen ihres Inhalts verfasst werden, sondern um die Seiten der Firmenkunden in Suchmaschinen nach oben zu bringen. Dort rezensierte sie ein Buch über die Nahrungsmittelindustrie, mit der sich die leidenschaftliche Fleischesserin zuvor kaum befasst hatte.
Auf der Fahrt zur Arbeit schlug sie das Kapitel über Schlachthäuser auf und war so schockiert, das sie es nicht zu Ende lesen konnte, berichtet sie. "Ich kam bei der Arbeit an – und war Veganerin". Ihr Großvater war zwar Metzgermeister gewesen, draußen auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern. Woher die tierischen Produkte im Supermarkt kommen, wie Milch produziert wird, darüber hatte sich Just bisher jedoch wenig Gedanken gemacht. Nun stellten sich viele Fragen: Was sollte sie in den Kaffee tun, wenn sie keine Milch mehr trinken konnte? Was zuhause kochen?
Über das Internet begann sich Just in das Thema Veganismus einzulesen. Viele der Vegan-Blogs beschrieben die Gewalt an Tieren, düster, schockierend, mit grausamen Bildern. Dass die pflanzliche Ernährung nicht nur ein Verzicht sein muss, sondern eine Bereicherung, erlebte Just dabei im Alltag. Bei der Umstellung aufs vegane Leben stellte sie fest, dass sie wenig vermisste und die neue Lebensweise sogar Spaß machen konnte.
Mit dem Blog Vegan sein wollte Nicole Just einen Gegenentwurf zu den Blogs schaffen, die sie gelesen hatte. Bunt sollte es sein, lebensfroh und mit schönem Design. Vegan sein als Lifestyle, als Lust am guten Essen, mit anregenden Rezepten und Berichten. Damit traf sie bei Veganern wie Nichtveganern einen Nerv. Mittlerweile hat "Vegan sein"” täglich 600 bis 700 Besucher, "je nach Wetter", und bei Facebook über Tausend Fans. Bei den BOBs, den Blog-Awards der deutschen Welle, landete Justs Blog 2012 in der Kategorie "Deutsche Blogs" auf den dritten Platz.
"Ich würde mein Blog nicht unter den Ökoblogs verorten", sagt sie selbst, "aber ich denke, dass das Thema, auf Tierprodukte zu verzichten, unfassbar nachhaltig ist. Du verursachst weniger Emissionen und trägst einen Teil dazu bei, dass der Welthunger weniger wird." Dank des Blogs ist Nicole Just mittlerweile gut in der veganen Blogszene Berlins vernetzt. So hat sie zwei andere vegane Frauen kennen gelernt, mit denen sie nun ein "Offline-Projekt" betreibt. Die drei veranstalten Überraschungsdinners, um die Lust am pflanzlichen Kochen und Essen weiterzugeben.
Netzaktivist für Slow Food
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© Anja KriegerBildende
Hendrik Haase geht es um die Wurst. Für seine Diplomarbeit Stadt Land Wurst reiste der Kommunikationsdesigner der "Ahle Wurscht"” aus Nordhessen hinterher, einer traditionellen Spezialität, die er von seinen Großeltern auf dem Dorf kennt. Doch die nordhessische Wurst ist vom Aussterben bedroht, Haase findet sie in einer "Arche des Geschmacks" und erfährt so von der Slow-Food-Bewegung. Das Thema Essen lässt den heute 28-Jährigen nicht mehr los. Als Designer, Künstler und Slow-Food-Aktivist setzt sich Haase für einen ganzheitlichen, bewussten Umgang mit Essen ein, nach dem Motto "gut, sauber und fair". Darüber schreibt er auf seinem Blog Wurstsack. Heute ist Haase sogar ganz offiziell als "kulinarischer Kurator" unterwegs, zum Beispiel wenn er regionale Speisen für eine große offizielle Tafel zusammenstellt.
Der Tausendsassa ist mittlerweile auch in den sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook sehr aktiv. Beim mobilen Fotodienst Instagram zeigt Haase, was er kocht und isst. Fleisch gehört für Haase zum Leben und zur Landwirtschaft dazu: "Die Killerfrage ist für mich: Wo ist der vegane Bauernhof? Den hab ich bis jetzt noch nicht entdeckt, weil es ein Kreislauf ist." Nachhaltige Ernährung, das ist für ihn komplexer als auf einen Bestandteil zu verzichten. An Produkten wie der Ahle Wurscht hängt für ihn Handwerk, traditionelle Landwirtschaft, Esskultur. Die industrielle Nahrungsmittelproduktion verdrängt immer mehr davon. Haase fordert heraus: Man solle doch einfach mal versuchen, Produkte ohne Barcode zu kaufen. Für ihn verkörpert der Strichcode Standardisierung, industrielle Verarbeitung, lange Wege, in denen Produkte durch viele Händlerhände gehen. Er erzählt von Bauernhöfen, auf denen massenweise krummes Gemüse weg geschmissen wird, nur weil es nicht der Norm entspricht, nicht auf Paletten passt. "Das hat mit urwüchsiger Natur nichts mehr zu tun", sagt er.
"Testschmecken" durch den Supermarkt
Joachim Ott geht weiter in den Supermarkt. Was die konventionellen Ketten an "Bio" hergeben, das wollte der heute 52-Jährige mit seinem Blog Testschmecker herausfinden. Ott wohnt mit vierköpfiger Familie in Emmendingen auf dem Land, in der Nähe von Freiburg im Südwesten Baden-Württembergs. Als Journalist und Fotograf arbeitete Ott viele Jahre für eine badische Lokalzeitung, heute betreut er die Pressearbeit verschiedener Bio-Weingüter. Den "Testschmecker" startete er mit einem Kollegen, um zu sehen ob die Supermärkte Bioalternativen für Lebensmittel bieten, die genauso lecker und günstig wie konventionell hergestellte Produkte sind.
Auch Menschen mit kargerem Einkommensollten sie sich leisten können. "Sie können den Leuten fünfzehn Bioweine hinstellen und sagen die Hälfte ist Bio, die Hälfte nicht, sie werden’s nicht auseinander schmecken." Auch was die Gesundheit angeht, sieht Ott heute keinen Unterschied zwischen "Bio"” und herkömmlichen Lebensmitteln.
Der Vorteil ökologisch produzierter Produkten liege viel mehr im Umweltnutzen und der Nachhaltigkeit in der Produktion, sagt er. Mittlerweile schreibt Ott den "Testschmecker" alleine weiter, von den Produkt-Vergleichen ist er zu kritischer Berichterstattung über Nahrungsmittel, Kochbuch-Rezensionen und familienfreundliche Bio-Rezepte übergegangen.
Kritisch gegenüber dem sein, was auf den Tisch kommt, ohne dabei den Spaß und die Lust am Essen zu verlieren, dafür stehen Foodblogs wie die von Joachim Ott, Hendrik Haase, Nicole Just und Antonio Zavagli. Weitere lesenswerte Blogs hat Effilee, das Magazin für Leben und Essen zusammengestellt. Übrigens: Wer Appetit bekommen hat und sich in die Netzdiskussion rund ums gute Essen einklinken möchte, kann mit kostenfreier Software ganz leicht ein eigenes Blog einrichten.
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